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Geschrieben am: 21/06/2017

,,Gervasutti“ an der Ostwand der Grand Jorasses

Beitrag von Alex Walpoth

Als wir weit in das Val Ferret hineinfahren und zur Ostwand des Grand Jorasses hinaufsehen, prallen unsere Vorstellung und die Wirklichkeit aufeinander. Wie jedes Mal bin ich fasziniert, wie unser Geist versucht, diese unterschiedlichen Aspekte in Einklang zu bringen. Die Beschreibung „eine der abgelegensten Wände der Alpen“ überträgt sich auf eine weit über uns aufragende Felsformation. Dank der gesammelten Informationen entsteht eine imaginäre Linie auf der Wand, deren entlang wir klettern werden.

DSC05864psJanluca Kostner und ich staunen noch eine ganze Zeit lang, sind in Gedanken bereits mitten in der geheimnisvollen Ostwand der Grand Jorasses. Bis dahin ist es jedoch ein langer, anstrengender Weg. Zusätzlich lasten die großen Rucksäcke schwer auf unseren Schultern. Am modernen und architektonisch einzigartigen Gervasutti-Biwak gehen wir vorbei, weil der lange Juni-Tag uns noch viel Licht schenkt, aber leider auch eine zermürbende Hitze. Über den aufgeweichten Frebouze-Gletscher erreichen wir tief spurend den Col des Hirondelles, hier werden wir die Nacht verbringen. Ein kalter Wind frischt auf, Nebelschwaden ziehen über uns hinweg, erst in der tiefen Nacht liegen wir unter einem sternenklaren Himmel, auf kaltem Untergrund.

DSC05897routenverlauf

Routenverlauf

Im Morgengrauen schlüpfe ich aus dem dünnen Schlafsack und bin erleichtert, mich bewegen zu dürfen. Janluca, der einen Winterschlafsack mitgebracht hat, würde auch noch länger in Ruheposition verweilen. Mit den ersten Sonnenstrahlen prasseln schon die ersten Steine über unsere Einstiegsrampe hinab. Dass der Steinschlag bereits jetzt einsetzt, erschüttert mich und verstärkt die Zweifel, ob es wohl doch zu warm ist. Doch wir meiden die Rampe, indem wir über glatte Granitstrukturen klettern und es kommen auch keine weiteren Steine nach. Ich steige behäbig, unsicher und vertraue nur eingeschränkt den Frontzacken. Im nächsten Stand bemerke ich, dass ich die Steigeisen verkehrt herum angezogen habe, ein gravierender und überhaupt zum ersten Mal passierter Fehler, glücklicherweise ohne Auswirkung. Querend erreichen wir das Y-Couloir, ein charakteristisches, oft schneebedecktes Band im unteren Wanddrittel. Äußerst mühsam arbeiten wir uns zum linken Arm des Y hin, im weichen Schnee sinken wir bis zur Hüfte ein und öfters haben wir das Gefühl, mitsamt den nassen Schneemassen abzurutschen. Wir erkennen nicht, wo unsere Route genau hinaufzieht. Weil wir das weitere Queren im Schnee leid und mittlerweile durchnässt sind, klettere ich über eine brüchige Verschneidung hinauf, alles andere als überzeugt davon, dass wir uns auf der richtigen Route befinden. Ein Karabiner und eine Schlinge, die um eine große Schuppe läuft, weisen mich darauf hin, dass meine Befürchtungen begründet waren. Über uns zieht eine glatte Wand nach oben, eine Verschneidung deutet sich leicht an: Nichts, was ein noch so mutiger und herausragender Alpinist der Vierziger-Jahre, wie Giusto Gervasutti es war, hätte klettern können. Nach einer Abseillänge stehen wir endlich am Anfang der wichtigsten Route des Mythen Gervasutti. Er hatte diese Wand zusammen mit Giuseppe Gagliardone 1942 erstbegangen, es würde seine schwierigste Route werden, auch weil er nur wenige Jahre darauf auf dem nach ihm benannten Gervasutti-Pfeiler den Tod fand.

Die ersten drei Seillängen klettern wir mit den klobigen Bergstiefeln. Ein nasser Überhang ist schwierig zu überwinden, an die Kletterei im Granit mit seinen kantigen Strukturen und glatten Flächen müssen wir uns erst gewöhnen. Janluca legt die Kletterschuhe an und DSC05884psstemmt sich einen breiten Riss hinauf bevor er an einer Quarzader in eine Verschneidung hineinquert. Die Griffe sind nass, der gelegte Friend von zweifelhafter Haltekraft: Janluca spreizt konzentriert auf den abschüssigen Tritt, drückt sich in die Verschneidung hinein und kann endlich einen Haken einhängen. Die folgende Verschneidung ist zwar wunderschön zum Klettern, jedoch rinnt wieder Wasser hinunter. Daran würden wir uns bald gewöhnen, die gesamte weitere Route ist nämlich nass. Die Sonne ist hinter einem Nebelvorhang verschwunden, aufgrund der hohen Temperaturen schmilzt der Schnee, der sich auf den meisten Bändern befindet, trotzdem. Die nächste Seillänge klettert Janluca technisch, die Gedanken an den schönsten Kletterstil rücken in den Hintergrund. Nun lehnt sich die Wand etwas zurück und ich gewinne schnell Klettermeter auf schönen Platten, dann unterbricht eine glatte Wand meinen Kletterfluss. Zwei Haken, zu weit voneinander entfernt um sich daran hochzuziehen, stecken in einem schmalen Riss. Ich schlage einen kurzen Messerhaken dazwischen, steige hoch an, setze einen Friend und DSC05930pszerre mich zu einer Verschneidung hinauf, die wieder frei kletterbar ist. Ein kurzer, aber deutlich überhängender Aufschwung trennt uns noch von der letzten, zum Tronchey-Grat hinaufführenden Rampe. Leider haben wir keine Steigleiter mitgebracht und so wird es ein gänzlich uneleganter Hakentanz mit entkräfteten Armen. Die folgenden zwei Seillängen verlaufen auf angelehnten aber glatten Platten, wir müssen sehr präzise hintreten. Glücklicherweise erzeugt auch der nasse Granit genug Reibung und wir gelangen in leichteres Gelände. Ich muss an Renato Casarotto denken, der auf diesen während seiner Begehung höchstwahrscheinlich vollständig eingeschneiten Platten Undenkbares geleistet haben muss. Er hat 1985 die Gervasutti allein im Winter begangen.

Den Tronchey-Grat erreichen wir spät und ermüdet. Wir bewegen uns an großen Blöcken und schneebedeckten Kämmen entlang, bis wir ganz oben sind, dort wo alle Wände der Grand Jorasses zusammenlaufen, eingehüllt im Nebel der nur kurz aufreißt, als würde der Berg geheimnisvoll bleiben wollen. Das bleibt er genauso wie unser Inneres, das dort oben eine überschwängliche Freude empfindet.

Der Abstieg im weichem Schnee fordert uns noch einmal heraus, in der Dunkelheit brechen wir immer noch hüfttief ein, doch irgendwie bewegen sich unsere Körper von alleine, auf einer vorgegebenen Bahn in einer angenehmen Leere.