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Geschrieben am: 22/08/2016

Ricordi nebbiosi – Nebelhafte, aber wunderbare Erinnerungen

Am 02. und 03. August klettern Martin Dejori und Alex Walpoth zusammen mit Titus Prinoth und Giorgio Travaglia die neue Route Ricordi nebbiosi durch die Westwand der Cima della Busazza (2894m). Die 1170 Meter lange Route bewerten sie mit IX- A1.

Nach der Erstbegehung der „Via degli Studenti“ durch die faszinierende Nordwestwand der Civetta setzten wir uns mit einem weiteren alpinistischen Problem in dieser Gebirgsgruppe auseinander. Giorgio, unser Kletterpartner und guter Freund aus Genua sprach immer wieder von der Westwand der Cima della Busazza. Zwischen den Routen „Castiglioni“ und „Cassarotto“ befindet sich eine beeindruckende Dächerzone, doch auf den Fotos sah dieser Wandteil eher kurz aus und das Projekt geriet in den Hintergrund. Erst als wir uns heuer mit Fernrohr und Teleobjektiv unter die Busazza begaben keimte wahre Motivation auf: Unten noch anlehnend wird die Westwand nach oben hin immer steiler, um kurz vor der dem Gipfel in einen großen Überhang überzugehen. Die Route würde sehr schwierig werden; die anfängliche Idee direkt über die Dächer hinauszuklettern verwarfen wir angesichts der fehlenden Wandstrukturen, eine verworrene Linie etwas weiter links schien jedoch der Schlüssel zu sein.

Zwei Tage später waren wir mit der gesamten Ausrüstung unter der Wand. In den ersten Längen kamen wir gut voran. In dem brüchigen Gelände traf ein Stein Martin knapp unterhalb der Lippe und verursachte einen tiefen Schnitt, der uns große Sorgen bereitete. Wir überlegten bereits das Abenteuer abzubrechen, aber ein ordentlicher Verband, der Martins Mund fast zuklebte, und die große Motivation ließen uns weitermachen. Bald kehrte die Routine zurück: Der Vorderste eröffnete die Route, der Zweite war fürs Sichern zuständig und die anderen zwei hievten den schweren Sack, der alles Notwendige für 3 Tage in der Wand enthielt, nach oben. Nach einem halben Tag erreichten wir die gelben Überhänge, 300 Meter unter dem Gipfel. Doch die Schwierigkeiten sollten hier erst beginnen. Die erste schwierige Länge, für die ich vier Stunden benötigte, brachte uns mitten ins Gelbe hinein. Der Fels war extrem kompakt und hakenfeindlich. Nur einige Löcher ließen sich mit Holz auffüllen, in welches ich dann jeweils den Haken hineintrieb. Giorgio nahm die nächste Länge in Angriff, die schwierigste, die acht Stunden in Anspruch nahm. An diesem ersten Tag kletterte er nur die erste Platte hinauf, doch es waren entscheidende Meter die er mittels gewagter Freikletterei zurücklegte. Titus und Martin hatten in der Zwischenzeit ein schmales Band gefunden, welches uns eine halbwegs gemütliche Nacht gewährte, mitten in der Wand.

Im Morgengrauen stiegen Giorgio und Titus bereits wieder die Fixseile hoch. In freier und teilweise technischer Kletterei arbeitete sich Giorgio langsam hoch, bis er unter ein brüchiges Dach gelangte, an dem es kein Vorbeikommen mehr gab. Ein paar Meter drunter entdeckte er eine mögliche Querung nach links, doch inzwischen war er müde und froh, dass Martin diese neue Möglichkeit in Angriff nahm. Martin legte einige sehr schwierige Züge in die Horizontale zurück, bis er endlich zwei Friends und zwei Haken unterbrachte, alle von mittlerer Qualität. Dann kletterte er wiederum wichtige Meter nach oben. Es war mittlerweile nach Mittag und wir hatten bloß zwanzig Meter zurückgelegt. Wir sprachen es noch nicht aus, aber eine zweite Nacht in der Wand wurde immer wahrscheinlicher. Ich löste Martin ab und kletterte an kleinen Griffen eine Platte hinauf. Doch da wo wir von unten ein Band vermutet hatten befand sich nur eine glatte Wand. Ich sah keine Möglichkeit, mit traditionellen Mitteln einen Stand zu bauen und setzte schweren Herzens zwei Bohrhaken in mühsamer Arbeit mit dem Handbohrer. Zum Glück sollten es die einzigen bleiben und auch wenn das Setzen von Bohrhaken ethisch unschön ist, hat die Sicherheit für uns Vorrang. Andererseits ist es auch ethisch, das Leben zu schützen…

Titus eröffnete schließlich die befreiende Länge, die uns den Weg zum Gipfel frei machte: Eine riskante Querung, dann zwei schlechte Haken bis er schließlich einen guten unterbringen konnte.

Als wir eine perfekte und beeindruckende Verschneidung hochkletterten, die wir bereits von unten als Schlüssel zur Überwindung der letzten Überhänge entdeckt hatten, brach die Nacht über uns herein. Es umfing uns eine angenehme Ruhe. Wir entschieden, dass wir nun bis zum Gipfel klettern würden. Kurz vor Mitternacht waren wir ganz oben, in einem wunderbaren innerlichen Zustand von Zufriedenheit und Müdigkeit. Wir schliefen direkt auf dem Gipfel, bis uns die ersten Sonnenstrahlen weckten.

Bevor wir nach Hause fuhren besuchten wir noch Paola und Valter in der Tissi-Hütte, wo wir für unsere Erstbegehung den Namen „Ricordi nebbiosi“ fanden, um uns an die zwei Tagen in der Wand erinnern, von Nebel umhüllt und auf den reinen, intensiven Augenblick bedacht.

von Alex Walpoth